Freitag, 28. November 2014

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 4

Von Stefan Sasse
Dies ist der dritte Teil der Artikelserie. Im ersten Teil besprachen wir die ersten beiden mythischen Könige Roms, Romulus und Numa. Im zweiten Teil besprachen wir die folgenden beiden Könige, Hostilius und Marcius. Im dritten Teil widmeten wir uns den zwei nächsten Königen, Tullius und Priscus. In diesem abschließenden Teil betrachten wir den letzten König von Rom, Tarquinius Superbus. 

Tarquinius Superbus
Die Geschichte des Aufstiegs von Tarquinius Superbus ist bereits der eines Bösewichts würdig. Er war der Sohn oder Enkel (es gibt widerstreitende Überlieferungen) des fünften Königs von Rom, Lucius Tarquinius Priscus, und mit einer Frau namens Tullia verheiratet, die in bester römischer Tradition, die nur zwei weibliche Extremfiguren kennt - entweder die tugendhafte, vorbildliche Ehefrau oder die intrigante, ambitionierte und böse Schwiegermutter -, ihren Ehemann zum Putsch gegen König Nummer sechs, Servius, anstachelte. Tarquinius, von Haus aus eitel und leicht von solchen Schandtaten zu überzeugen (daher auch sein Name "Superbus", was sich als arrogant oder eitel übersetzen lässt), machte sich auch gleich daran und marschierte mit einer Bande bewaffneter Unterstützer in den Senat, wo er sich breitbeinig auf den Königsthron setzte (ein Hauch von Machismo gibt der Geschichte hier die notwendige Würze) und die Senatoren aufforderte, ihm zu huldigen, weil Servius ohnehin ein schlechter König sei.
Die Begründung, die Tarquinius Superbus hierfür gibt, ist, abgesehen von den obligatorischen ad-hominem-Attacken (Servius ist ein Sklave, der von einer Frau auf den Thron gesetzt wurde) von geradezu lächerlicher Ironie: Servius habe die unteren Klassen Roms den oberen vorgezogen und deren Reichtum öffentlich sichtbar gemacht, so dass die unteren Klassen unzufrieden wurden. Wenn man bedenkt, dass gerade diese Probleme die Republik zu Fall bringen würden ist das schon eine interessante Vorwegnahnme. Tarquinius etablierte sich danach als Bösewicht, indem er den heraneilenden Servius (der die exakt gleichen Vorwürfe in Richtung Tarquinius schleudert) die Treppen des Senatsgebäudes hinunterwerfen und den Verletzten danach niederstechen lässt. Seine Frau, ebenfalls im Public-Relations-Sektor tätig, trieb danach ihren eigenen Streitwagen über die Leiche, so dass die komplett bespritzt mit dem Blut des Königs zuhause ankam. Tarquinius weigerte sich später, den toten König beerdigen zu lassen.

Tarquinius Thronergreifung, Comic aus den 1850er Jahren
Diese Geschichte der Thronergreifung alleine ist schon viel zu gut, um wahr zu sein. Sie enthält alle Elemente, die die Römer in ihren Geschichten liebten: intrigante Frauen, Gewalt und den Konflikt vom virtus gegen die niederen Instinkte. Tarquinius und seine Frau Tullia werden als geradezu karikaturhaft böse dargestellt, was die Bühne für eine passende Regierungszeit ebnet. Diese beginnt auch gleich mit einigen Schauprozessen gegen feindlich gesinnte Senatoren. Deren Plätze füllte er danach nicht wieder auf, was den Senat effektiv verkrüppelte und zu einem reinen Akklamationsorgan machte. Dieser Zug bewies erneut seine Tyrannei: wären die Senatoren schuldig gewesen, spräche schließlich nichts gegen Nachernennungen. 

Tarquinius wandte seine Aufmerksamkeit dann nach außen, nach Latium, das er vollständig unter römische Kontrolle bringen wollte. Mit einer Reihe von geschickten Bündnissen und Verrat fiel Stadt um Stadt unter seine Kontrolle und vereinte ihre Truppen mit Rom. Seine Taktiken waren alles andere als fein: er versteckte etwa bei einer Konferenz mit latinischen Anführern Waffen in deren Hütten, die danach gefunden wurden - und die Latiner wegen Verrats getötet. Die Überlebenden und Nachfolger verstanden den Hinweis und folgten ihm. Eine andere renitente Stadt fiel, als sein Sohn, einen Bruch mit dem Vater vortäuschend, die Kontrolle übernahm und die örtliche Nobilität hinrichtete. Die Erfolge des Tarquinius waren daher auch von einer Aura des Ruchlosen und Ehrlosen umgeben. Ein ordentlicher Römer gewann schließlich in der männlichen, offenen Feldschlacht. Tarquinius konnte jedoch auch auf  eine Reihe genuiner Erfolge zurückblicken. Einige Ausbauten Roms, so etwa der Bau des großen Jupiter-Tempels und der Bau der Cloaka Maxima gehen auf sein Konto.

Michaelangelos Darstellung der Sibyll
Tarquinius gehört außerdem zum Rahmenprogramm einer der merkwürdigeren Sagen der römischen Frühzeit, der Legende der sibyllenischen Bücher. Sibyll war eine Art Orakel, die Tarquinius neun Bücher mit Prophezeiungen zu einem gewaltigen Preis anbot. Tarquinius lehnte ab, woraufhin Sibyll drei der Bücher verbrannte  und die restlichen sechs zum gleichen Preis erneut anbot. Tarquinius war schon unsicher, lehnte aber erneut ab, woraufhin Sibyll drei weitere verbrannte. Die restlichen drei kaufte Tarquinius nun. Die Römer konsultierten diese Bücher, die von speziellen Aristokraten bewacht wurden, bis zum Brand des Jupitertempels 85 v. Chr., woraufhin sie eine neue Sammlung sibyllischer Prophezeiungen aus dem ganzen Mittelmeerraum zusammenkauften, die sie bis zum Aufstieg des Christentums vor wichtigen Entscheidungen konsultierten. Hätte Tarquinius nur alle neun Bücher gekauft! 

Der Fall des Tarquinius kam, wie auch sein Aufstieg, durch eine Frau. Bei der Belagerung einer reichen Stadt namens Rutuli, die Tarquinius nur der Beute wegen belagerte, langweilten sich die adeligen Jungspunde mit Offiziersrang so sehr, dass sie begannen, gegenseitig die Treue ihrer Ehefrauen zu prüfen. Die einzige Frau, die der Prüfung standhielt, war Collatia - erneut sehen wir die typisch römische Figur der tugendhaften Ehefrau -, was die Leidenschaft von Tarquinius' Sohn Sextus erregte, der sie erpresste und zum Sex zwang. Collatia aber machte die Affäre danach öffentlich und beging dann Selbstmord. Als Reaktion auf diese Ehrverletzung der Nobilität schwor Collatius zusammen mit seinen Freunden Lucius Junius Brutus und Publius Valerius, die Tarquinier aus Rom zu vertreiben. Die ruinöse Baupolitik des Königs, der die Kassen Roms geleert hatte und angesichts des Misserfolgs der Belagerung von Rutini auch keine Aussicht auf Besserung hatte, tat sein Übriges. 

Lucius Junius Brutus
Da Brutus zur Leibgarde Tarquinius' gehörte, besaß er das Recht, die Ständeversammlung (comitia) einzuberufen, was er tat - und als Bühne für eine vernichtende Anklagerede gegen den König nutzte. Tarquinius, seine Frau Tullia und sein Sohn (der kurz darauf ermordet wurde) flüchteten aus der Stadt, und Brutus und Collatius wurden zu den ersten beiden Konsuln Roms gewählt. Natürlich wäre dies keine römische Geschichte ohne einen ordentlichen Verrat, und so zwang Brutus kurz darauf Collatius zum Rücktritt, um einen genehmeren Kollegen zu bekommen. Tarquinius indessen verbündete sich mit Roms altem Feind Veji und marschierte auf Rom, wurde aber von Brutus' Armee zurückgeschlagen. In der blutigen Schlacht fand Brutus den Tod; er hatte zuvor jedoch auch eine innenpolitische Verschwörung entdeckt und die Loyalisten Tarquinius' ohne viel Federlesens exekutieren lassen, darunter auch zwei eigene Söhne. Ohne Verbündete in der Stadt, die nun fest in den Händen der Republikaner war, wandte sich Tarquinius an den König von Clusium, Porsena. Der marschierte mit einer großen Armee auf Rom, das eine blutige Verteidigungsschlacht schlug, die ebenfalls in die römische Legende einging: angeblich gelang es Porsena fast, eine Brücke über den Tiber unter Kontrolle zu bekommen, bevor die Römer sie zerstören konnten. Ein tapferer Aristokrat namens Horatius hielt die feindliche Armee im Alleingang lange genug auf, dass die Brücke hinter ihm zerstört werden konnte und schwamm danach in Sicherheit. 

Solche angeblichen Heldentaten hin oder her, Rom wurde danach von Porsenas Armee belagert. Es ist unklar, ob Porsena Rom eroberte und kurzzeitig besetzte oder ob die Römer die Belagerung überstanden; so oder so zog Porsena aber bald ab und überließ Tarquinius dessen letztem Versuch, Rom zurückzuerobern. Dieses Mal stellte sich der Armee Tarquinius (im Bündnis mit der latinischen Stadt Tusculum) der erste Diktator Roms entgegen, Albus Postumius Albus, der in der Schlacht ebenfalls den Tod fand. Die Römer siegten knapp, und Tarquinius verschwand endgültig im Exil. Rom war eine Republik. 

Tyrannenmord
Zu den Gründungskernen der Republik gehörte die ungeheure Feindseligkeit gegenüber allem, was nach Tyrannei und Königtum roch. Zahlreiche Politiker der Republik fanden den Tod (oder ein abruptes Karriereende), weil man ihnen Aspirationen nach dem Königstitel unterstellte. Das letzte Opfer dieser Königs-Paranoia war Julius Cäsar, der allerdings in der Angelegenheit kaum als unschuldig gelten darf. Die ungeheure Bosheit des Tarquinius (die vermutlich deutlich übertrieben ist) diente den Römern dabei immer als bequeme Rechtfertigung dieser Ablehnung des Königstitels. Jeder, der die Alleinherrschaft anstrebte, musste sich mit Tarquinius vergleichen lassen - ein PR Albtraum. Letztlich aber diente auch die Geschichte von Tarquinius vor allem als ein pädagogisches Werk: wie die Könige vor ihm war Tarquinius immer dazu gut, bestimmte Lektionen über das, was die Römer als ihr Selbstverständnis betrachteten - virtus - zu erläutern. 

Die Könige waren keine historischen Figuren, sondern mystische Verzerrungen realer, historischer Persönlichkeiten. Vermutlich gab es auch mehr als sieben von ihnen. Ihre Geschichte aber wurde erst zu einer Zeit aufgeschrieben, als die ältesten Einwohner der Stadt allenfalls Großeltern hatten, die bei Tarquinius' Vertreibung dabeigewesen waren. Es verwundert daher nicht, dass die Geschichten zwar hervorragend die Lektionen hergeben, die die Römer gerne weitergeben wollten, aber vermutlich wenig auf historische Genauigkeit geben. Für uns sind sie daher eher ein Fenster ins Innenleben der römischen Seele als in das ihrer Vorgeschichte. 

Bildnachweise: 
Tarquinius Münze - Guillaume Rouille (Public Domain)
Comic - John Leech (Public Domain)
Sibyll - Michelangelo (Public Domain)
Brutus Büste  - Jastrow (Public Domain)
Tyrannenmord - Karl von Piloty (Public Domain)

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