Dienstag, 14. Mai 2013

Irische Geschichte, Teil 1: Die Geburt Irlands

Von Stefan Sasse

Die irische Flagge seit 1919
1921 endeten fast vierhundert Jahre britischer Herrschaft über die irische Insel. Das Land wurde geteilt. Während der kleine, nördliche Teil unter britischer Herrschaft verblieb und ein Teil des Vereinigten Königreichs wurde, wurde der große, südliche Teil ein unabhängiger Staat - die Republik Irland. Diese Teilung kam nicht friedlich zustande. Ihr voraus gingen Jahre des Guerilla-Krieges gegen die britische Krone, und dem Jahrzehnte der politischen Auseinandersetzung. Irland selbst fand auch nach der Unabhängigkeit keinen Frieden, sondern versank für Jahre in einem blutigen Bürgerkrieg, dessen Narben die irische Politik noch heute prägen. Im Folgenden soll die wechselhafte Geschichte des irischen Freiheitskampfs von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert über ihre Klimax um den Ersten Weltkrieg hin zur Transformation der irischen Republik dargestellt werden. 

Die Geschichte britischer Herrschaft über Irland beginnt offiziell mit dem Crown of Ireland Act von 1542, in dem das damalige irische Parlament den englischen König Heinrich VIII. in Personalunion zum König von Irland erklärte. Bereits vorher hatte eine indirekte englische Kontrolle über Irland bestanden, da der König von England seit 1177 als Lord of Ireland geistiger und weltlicher Oberlehensherr in den damals bestehenden feudalistischen Strukturen war. In Folge der Personalunion wurde das irische Parlament dem englischen untergeordnet und in seinen Rechten beschnitten, was der irischen Elite jedoch durchaus Recht war: anlässlich der Union zwischen Schottland und England zum United Kingdom 1707 gratulierte das irische Parlament und wünschte eine "still more comprehensive union".

Flagge des irischen Königreichs, 1542-1801
Im Verlauf des folgenden Jahrhunderts befasste sich Großbritannien jedoch nicht übermäßig mit der Insel und gab einen Großteil der legislativen Kompetenzen an das irische Parlament ab, das am Rande der Unabhängigkeit fungierte. Für die britische Krone war das kein besonderes Problem, denn die Iren waren mehrheitlich von der Regierungsmacht ausgeschlossen. Diese lag bei einer kleinen, protestantischen Elite, der so genannten "Protestant Ascendancy", die sich aus Klerus, Landbesitzern und reichen Geschäftsleuten zusammensetzte. Diese hatten ein Interesse an einer engeren Bindung zu Großbritannien, sowohl kommerziell als auch kulturell. Die mehrheitlich katholische irische Bevölkerung fand in dieser Art von Regierung genausowenig ihre Repräsentation wie Juden oder Presbyterianer (die sich vor allem im Raum Ulster konzentrierten).  Wie so häufig, wenn eine Elite die Macht an sich reißt und jeglichen Zugang für andere Gruppen verschließt, stellte sich eine Starrheit des Systems ein, das gegenüber Reformen sehr resistent und immer weniger in der Lage war, der wachsenden Unzufriedenheit mit den ökonomischen und politischen Umständen durch Anpassungen entgegenzukommen. 

Die Lage wurde 1782 nur weiter verschärft, als Irland eine neue Verfassung erhielt. Obwohl diese die bisherige weitreichende Autonomie von Großbritannien in weiten Teilen festschrieb, waren immer noch nur Protestanten zum Parlament zugelassen. Unter der Minderheit der Protestanten wiederum durften nur Landbesitzer wählen und gewählt werden, was die Wahlberechtigung insgesamt im niedrigen einstelligen Prozentbereich hielt. Für die politische Stabilität schwerwiegender als die Exklusion der armen Katholiken war aber, dass auch die schmale Schicht  wohlhabender Nicht-Protestanten keinerlei Repräsentation besaß. Die dominierende Figur des neuen irischen Parlaments ab 1782, Henry Grattan, erkannte dieses Problem und versuchte, durch einige moderate Gesetzesvorschläge eine teilweise Öffnung des irischen Systems gegenüber den Katholiken zu erreichen und somit eine Brücke zu schlagen, die die wachsende Unzufriedenheit entschärfen sollte. Sein vorrangiges Ziel war dabei die katholische Bevölkerung, deren Unzufriedenheit aufgrund der bloßen Menge die gefährlichste war. Er glaubte daran, dass die Religion hinter der gemeinsamen irischen Sache zurückstehen müsse.

Henry Grattan
Grattans innerparlamentarische Gegner aber vereitelten jeglichen Versuch, den irischen Minderheiten weitere Rechte zuzugestehen. Gleichzeitig diente vielen irischen Reformern die amerikanische Revolution als großes Vorbild, dem sie nachzueifern entschlossen waren. Es ist an dieser Stelle wichtig darauf hinzuweisen, dass dieser Konflikt ein inner-irischer Konflikt war. Die britische Oberherrschaft spielte eine vergleichsweise kleine Rolle; Grattan selbst etwa war ein glühender Loyalist und hatte dafür gesorgt, dass das Parlament 1782 als erste Amtshandlung 20.000 Seeleute für die Royal Navy bereitstellte. Er wollte ein stabiles, autonomes Irland, doch die Beharrungskräfte der alten Eliten erwiesen sich als zu stark. Deren Herrschaft ruhte vor allem auf zwei Säulen: der religiösen Zersplitterung ihrer Gegner - Katholiken und Prysbeterianer hassten sich selbst ebenso sehr wie sie die anglikanische Elite hassten - und der Hilfe britischer regulärer Truppen. Als deutlich wurde, dass Grattans Reformversuche gescheitert waren, brach eine dieser Säulen weg. 

Unter anderem inspiriert durch die Französische Revolution formierte sich 1791 in Belfast die Society of United Irishmen. In dieser fanden sich Katholiken, Prysbeterianer, Methodisten und andere "dissenter". Die Zielsetzung der United Irishmen war die Durchsetzung umfassenderer Reformen, doch der Ausbruch der napoleonischen Kriege zwang die Bewegung schnell in den Untergrund, um den Auswirkungen des Kriegsrechts zu entgehen, wo sie sich schnell radikalisierte und auf die totale Unabhängigkeit Irlands hinarbeitete. Die Gesellschaft suchte die Hilfe des revolutionären Frankreich, das sie mit Waffen versorgte und die Invasion einer Armee zur Sicherung der Unabhängigkeit versprach. Obwohl viele Mitglieder der Bewegung, die bereits mehrere hunderttausend Mann stark war, auf einen schnellen Schlag drängten, verschoben die Anführer jegliche Aktion bis zum Eintreffen französischer Hilfe - die freilich niemals kam. Die 14.000 Mann zählende französische Irlandexpedition musste 1796 auf halbem Wege umkehren. 

Britische Kavalliere greift bei Vinhill irische Truppen an.
Diese Verzögerung sollte sich als fatal erweisen. Nicht nur formierte sich nun eine Gegenbewegung, der anglikanisch geprägte Orange Order, in der Gegend um Ulster, die Franzosen eroberten außerdem Rom und setzten den Papst unter Hausarrest, der daraufhin eine dezidiert pro-britische Haltung einnahm und sich auch während der folgenden Rebellion klar auf die Seite der britischen Krone stellte und in der mehrheitlich katholischen Bevölkerung ernste Zweifel am Erfolg der Unternehmung weckte. Trotz dieser entscheidenden Nachteile wagten die Rebellen den Aufstand. Bereits am ersten Tag zeigte sich die Lückenhaftigkeit des Plans: die britischen Nachrichtendienste hatten Wind von der Aktion bekommen. Die britischen Truppen waren bei weitem nicht so unvorbereitet, wie man zuerst gedacht hatte. Auch gelang es nicht, den Postverkehr abzuschneiden. Trotzdem begann am folgenden Tag die Rebellion großflächig auszubrechen, denn trotz des Fehlschlagens der ersten Störangriffe vollzog sich die Erhebung der United Irishmen planmäßig. Innerhalb kurzer Zeit fanden blutige Gefechte überall im Land statt, wobei ein erster Schwerpunkt in Dublin lag, das für den britischen Nachschub eine entscheidende logistische Wasserscheide darstellte.

Die Franzosen versuchten erneut, in den Konflikt einzugreifen, wurden jedoch von der Royal Navy abgewiesen. Die Briten verlegten zahlreiche reguläre Truppen nach Irland, wo innerhalb von nur drei Monaten in brutalen Kämpfen voller Kriegsverbrechen auf beiden Seiten zwischen 20.000 und 50.000 Menschen ums Leben kamen - niemals wieder in der irischen Geschichte und nie zuvor starben so viele Menschen in so kurzer Zeit in einem gewaltsamen Konflikt. Gegenüber der Stärke der britischen Armee hatten die Rebellen ohne französische Unterstützung wenig Chancen und mussten schließlich nach den letzten Schlachten die Waffen strecken. Die kurze Phase des irischen Parlaments kam damit an ihr Ende. Die Briten schafften es ab und bereiteten die komplette Übernahme Irlands vor. 

Der "Union Jack" mit dem St. Patrick's Cross für Irland
Diese fand formell 1800 mit den Acts of Union statt, die formell England, Wales, Schottland und Irland zum Vereinigten Königreich zusammenschlossen. Anstatt ein eigenes Parlament zu haben, erhielten die Iren Sitze im britischen Parlament in London, die natürlich wiederum von der anglikanischen Elite besetzt wurden. Stimmen der Vernunft in London plädierten dafür, den Katholiken endlich gleiche Rechte einzuräumen (vor allem die Repräsentation im Parlament), aber der englische König erachtete das als unvereinbar gegenüber seinem Eid auf die britische Krone und die anglikanische Kirche. Dieser Streit zog sich bis 1829, als der Premierminister Wellington den König mit einer Rücktrittsdrohung zur Unterzeichnung des "Catholic Relief Act" zwang. Doch der Act konnte nicht verhindern, dass es in der gesamten ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sporadisch zu religiös und politisch motivierten Gewaltausbrüchen kam. Besonders betroffen war dabei die Region um Ulster, in der der Orange Order seinen Sitz hatte, dessen Mitglieder immer wieder Straßenkämpfe mit den Katholiken ausfochten. Trotzdem wäre es vorstellbar gewesen, dass die Konflikte in Irland auf dieselbe Art geregelt werden würden wie im Rest Großbritanniens, wo im Verlauf des 19. Jahrhunderts mehr und mehr Menschen das Wahlrecht erhielten und der industrielle Aufschwung die Lebenslage allgemein verbesserte. Doch 1845 begann ein Ereignis, dem man für Irland kaum genug Bedeutung beimessen kann: die Große Hungersnot, the Great Famine.

Weiter geht's im zweiten Teil.

Literaturhinweise:

Bildnachweise: 
Irische Flagge - unbekannt (gemeinfrei)
Königsflagge - TRAJAN117 (GNU 12)
Grattan - unbekannt (gemeinfrei)
Vinhill - William Sadler (gemeinfrei)
Union Jack - unbekannt (gemeinfrei)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen